Im Anfang war das Vergessen, so heißt es in vielen abend- und morgenländischen Schöpfungsmythen über die Menschwerdung. In der jüdischen Überlieferung schlägt der Engel des Vergessens dem neugeborenen auf den Mund, damit er sein ursprüngliches Wissen über die Dinge vergesse…
Die Aufgabe “hinter den Zeilen zu lesen”, um die Situation des Schreibenden zu erschließen, ist eine Aufgabe, die regelmäßig bei der Interpretation von geschriebenen Äußerungen sich stellt. Aber selbst dann, wenn diese vorläufige Aufgabe zufrieden stellend gelöst worden ist und es klar ist, was der Schreibende versucht zu tun und inwieweit er dafür qualifiziert ist, bleibt normalerweise noch eine weitere Aufgabe übrig, nämlich das “zwischen den Zeilen lesen”, was er schreibt (und sagen will). Es wäre sicher kurzsichtig, das, “was gesagt wird”, als vollständig durch die vom Schreibenden verwendeten Wörter ausgedrückt zu betrachten…
Und doch muß jeder, der sich ernsthaft auf dieses Leseabenteuer einlassen will, hindurch nicht nur durch fertige autorisierte Texte -, sondern muß über Vorentwürfe und Entwürfe, Vorstufen, Zwischenstufen, Vorendstufen aufsteigen, um dann immer wieder – ja, abzustürzen ins Nichts. Weil alles Angefangene, Probierte, Korrigierte immer wieder unfortgesetzt und unvollendet Fragment bleibt…
“Es war Mord”, sagt der umkämpfte, umrätselte letzte Satz (…)
“O Gott…wie hängt das alles zusammen? Denken. Wollen. Sein.” (1)
Plus und Minus sollten nicht verwechselt werden!
(1) Gott oder Göttin?
Der Zürcher Theologieprofessor Konrad Schmid hat die im Alten Testament geprägte Vorstellung eines männlich-väterlichen Gottes in Frage gestellt. Beziehe man neben der Bibel archäologische Quellen, wie Götterfiguren, Inschriften, Amulette oder Siegel mit ein, ergebe sich ein Gottesbild, welches starke weibliche Elemente aufweist, erklärte der evangelische Theologe in der Hamburger Wochenzeitschrift “Die Zeit”.Die Vorstellung eines männlich-väterlichen Gottes könnte das Resultat einer von starken “politisch-theologischen Interessen” geprägten “Tendenzliteratur” sein, hieß es weiter. Den Autoren der Bibel hätte damals daran gelegen, das Volk Israel angesichts der Bedrohung durch die umliegenden Großmächte auf einen einzigen starken Gott einzuschwören. (Quelle: epd, 20.03.2008)
Als ich meine Bar-Mizwa feierte, erklärte ich dem Rabbi: “Ich habe die Wahrheit gefunden. Ich glaube nicht an Gott.” Da sah er mich an und erwiderte: “Mein Junge, du glaubst also nicht an Gott. Meinst du, Gott schert sich darum?”
Daniel Bell, US-amerikanischer Soziologe, in der Süddeutschen Zeitung vom 22.03.2008
Schlagworte: Altes Testament, Bar-Mizwa, Bibel, Daniel Bell, Göttin, Gott, Gottesbild, Konrad Schmid, Religionsgeschichte der Bibel in ihren antiken Kontexte, Schöpfungsmythen, Theologiegeschichte des Alten Testaments
